Christopher Kruse ist seit Mai 2026 nicht nur Geschäftsführer des Zentralverbandes des Deutschen Bäckerhandwerks, sondern parallel auch Generalsekretär des Europäischen Bäckerverbandes CEBP. Wir sprachen mit ihm darüber, warum die Präsenz in Brüssel immer wichtiger wird und was er für die Betriebe bewegen will.
Helga Baumfalk: Herr Kruse, als Generalsekretär der Europäischen Bäcker- und Konditorenvereinigung CEBP vertreten Sie 13 Mitgliedsorganisationen aus 13 europäischen Ländern. Worin liegt die schwierigere Aufgabe – die Interessen der vielfältigen europäischen Handwerksbetriebe unter einen Hut zu bringen oder sich Gehör in Brüssel zu verschaffen?
Christopher Kruse: Zunächst einmal, denke ich, wäre es falsch, als CEBP den Anspruch erheben zu wollen, ein bestimmtes Bild eines Bäcker- und Konditorenhandwerks zu verkörpern und zu vertreten. Das würde nicht funktionieren. Was uns eint, ist, dass die Betriebe und die Menschen, die dort arbeiten, einen wichtigen Teil der Wirtschaft und Gesellschaft ausmachen und so auch gesehen werden. Damit das so bleibt, arbeiten wir daran, dass Bäcker und Konditoren europaweit Rahmenbedingungen vorfinden, ihren Beruf langfristig unter bestmöglichen wirtschaftlichen Bedingungen und weniger Hemmnissen ausüben zu können.
© Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks
„Der Einfluss der Brüsseler Politik auf die gesamte Lebensmittelwirtschaft und damit auf jeden einzelnen Handwerksbäcker und
Handwerkskonditor in jedem Winkel der EU ist immer größer geworden. Und er ist schneller gewachsen, als die Verbände darauf reagiert haben.“
Christopher Kruse, Generalsekretär CEBP
Baumfalk: Welche Hemmnisse meinen Sie zum Beispiel?
Kruse: Die große Überschrift lautet ,Bürokratie‘. Mindestens die Hälfte, wenn nicht zwei Drittel aller Vorschriften, die das Bäcker- und Konditorenhandwerk mittel- oder unmittelbar betreffen, kommen aus Brüssel. Wobei vieles am grünen Tisch und oft in die falsche Richtung verordnet wird. Schauen Sie sich die Entwaldungs-VO an. Sie hat sich zu einem regelrechten Bürokratiemonster entwickelt. Zwar konnten wir diesem Monster ein wenig die Klauen kürzen, aber nicht komplett verhindern, dass unsere Betriebe deswegen demnächst vor großen Herausforderungen stehen werden. Dasselbe gilt für das Verpackungsrecht oder die Auslobung zulässiger umweltbezogener Aussagen.
Baumfalk: Was unternehmen Sie also?
Kruse: Auf europäischer Ebene geht es uns darum, den politischen Entscheidungsträgern klar und prägnant offenzulegen, welche Konsequenzen getroffene Regelungen in der Praxis nach sich ziehen. So können wir auch Fehlentscheidungen für die Zukunft verhindern. Die EU darf nicht aus den Augen verlieren, für wen sie Regulierungen macht – für die Menschen. Wobei Brüssel anders tickt als Berlin.
Baumfalk: Warum? Das müssten Sie mir erklären.
Kruse: In Berlin sehen wir, dass entlang der Legislaturperiode in Zyklen von vier Jahren gearbeitet wird. In Brüssel dauern die Zyklen 10 oder 15 Jahre. Was heute in Brüssel diskutiert wird, wird nicht binnen zwei oder drei Jahren umgesetzt, sondern lange Zeit debattiert und irgendwann tatsächlich in einer Richtlinie oder Verordnung umgesetzt. Das heißt für uns, wir müssen früh, sehr früh in den Diskussionsprozess einsteigen. Steht erst die Rohfassung einer Regelung, ist es fast schon zu spät, Dinge umlenken zu können.
Über die CEBP
Die Europäische Bäcker- und Konditorenvereinigung CEBP (Confédération européenne de la boulangerie-pâtisserie) vertritt mehr als 190.000 kleine und mittlere Betriebe des Bäcker- und Konditorenhandwerks in Europa, die über 2 Millionen Menschen beschäftigen. Derzeit vereint die CEBP 13 Mitgliedsorganisationen aus 13 europäischen Ländern (Albanien, Belgien, Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Italien, Norwegen, Österreich, Spanien, Schweden und der Schweiz). Als europäischer Dachverband setzt sich die CEBP für die Interessen der nationalen Verbände gegenüber den EU-Institutionen ein. Ihr Sitz ist in Brüssel. Hier betreibt die CEBP gemeinsam mit dem Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks eine Geschäftsstelle, die für beide Verbände von Sabrina Stief geleitet wird.
Website: cebp.eu
Baumfalk: Wie gestalten Sie Ihre Aufgabe als Interessensvertreter?
Kruse: Ganz allgemein gesprochen: Wir müssen mitbekommen, was gerade in der Diskussion steht. Im Berliner Geschäft sind wir Teil eines durchaus geregelten Verfahrens. Die Geschäftsordnung des Bundestages sieht es vor, dass Verbände, als Interessensvertreter der betroffenen Wirtschaftsbranchen, Gelegenheit bekommen, Stellung zu beziehen. Eine ähnliche Regelung existiert zwar auch in Brüssel, aber die Rechtsetzung funktioniert nach anderen Regeln. Verbände werden zu einem deutlich späteren Zeitpunkt angehört, dann, wenn eine Regelung quasi schon besteht, also zu spät. Nachzubessern ist dann deutlich schwieriger. Wie gesagt, wir müssen viel früher ansetzen und nehmen deshalb als CEBP, soweit möglich, an Austauschgesprächen teil, sind in Arbeitsgruppen oder Gremien vertreten. Als Interessensvertreter steht man vor der Herausforderung, nicht mit fertigen Gesetzen ,arbeiten‘ zu können, sondern mit etwas, das manchmal nur als Idee im Raum steht. Insofern muss man in diesem Job immer vorausdenken, welche Konsequenzen sich aus den Ansätzen
ergeben könnten.
Baumfalk: Sie sind schon kurz darauf eingegangen: Wie blickt man in Europa auf das Bäcker- und Konditorenhandwerk?
Kruse: Sehr positiv. Ich sehe, dass es in allen Mitgliedstaaten als Kulturgut verstanden wird. Man mag uns, aber man vergisst uns manchmal, weil wir als Wirtschaftsbranche nicht im politischen Fokus stehen wie andere gewichtige Branchen. Das zu ändern und das Lebensmittelhandwerk stärker in den Vordergrund zu ziehen, wird eine unserer zentralen Aufgaben sein. Wir sind schließlich ein wesentlicher Teil der Wirtschaft, was die Anzahl der Beschäftigten und Betriebe sowie den Umsatz anbelangt, aber auch hinsichtlich der Resilienz und der Rolle der Grundversorgung. Unsere Bedeutung ist viel größer, als sie auf politischer Bühne wahrgenommen wird.
Baumfalk: Wie meinen Sie das?
Kruse: Denken Sie an zurückliegende Krisensituationen: die Pandemie, Naturkatastrophen oder die Überlegungen, die man jetzt leider anstellen muss, was eventuelle Spannungslagen angeht. Es wäre ein Fehler, wenn sich die Politik darauf verlässt, dass in jedem Land wenige große Hersteller Lebensmittel produzieren. Wir brauchen auch weiterhin viele Tausend regionale, teils kleine Unternehmen, die flexibel und viel schneller auf Veränderungen reagieren können. Ohne das Lebensmittelhandwerk, speziell ohne das Bäcker- und Konditorenhandwerk, werden wir kommende Krisensituationen nicht meistern können.
Zur PPWR stellt der Zentralverband ein Merkblatt für Bäcker zur Verfügung. Bittedem Link anklicken https://www.baeckerhandwerk.de/aktuelles/blog-beitrag/neue-verpackungsregelungen-ppwr-und-verpackdg.
Baumfalk: Inwieweit arbeitet die CEBP mit anderen Verbänden wie der AIBI zusammen?
Kruse: Mit der AIBI, dem europäischen Verband der Großbäcker, stehen wir in einem sehr engen Austausch. Allein deshalb, weil wir ähnliche Themen verfolgen. Zusammen mit anderen Verbänden aus der Getreidewirtschaftskette haben wir uns z. B. schon vor Jahren zur Bread Initiative zusammengeschlossen. Auch zum ZDH oder zu SMEUnited haben wir enge Verbindungen. Es macht einfach Sinn, gemeinsam aufzutreten. Das erhöht die Schlagkraft und Wahrnehmung.
Baumfalk: Warum benötigt das Bäcker- und Konditorenhandwerk eine eigene Stimme?
Kruse: Wenn wir darauf vertrauen, dass jemand anderes unsere Interessen wahrnimmt, dürfen wir nicht erwarten, dass es wirklich funktioniert. Das liegt nicht daran, dass unsere Dachverbände unsere Interessen nicht kennen oder nicht gut genug vertreten könnten. Nur, wenn ein Dachverband wie der ZDH oder SMEUnited viele verschiedene Interessen bündeln muss, können sie nicht der Fachmann für die Interessen einer bestimmten Branche sein. Dass die Bäcker und Konditoren zusammen auftreten, ist wiederum sinnvoll, weil sich die Themen ähneln und die Gewerke häufig überschneiden.
Baumfalk: Können Sie ein paar Baustellen nennen, an denen Sie in Brüssel gerade arbeiten?
Kruse: Ein deutsches wie europäisches Thema ist die bedarfsunabhängige Dauerbeköderung, um Schadnager fernzuhalten. Nach der deutschen Gesetzgebung sind bestimmte Wirkstoffe, die für die Dauerbeköderung genutzt werden, nicht mehr zulässig. Umso wichtiger wird es, dass wir auf europäischer Ebene darauf hinwirken, dass der rechtliche Rahmen für eine Dauerbeköderung erhalten bleibt.
Eine andere Baustelle ist die CO2-Lkw-Flottenregelung. Ausnahmen für kleine und mittelständische Unternehmen sind zwar definiert, fraglich ist aber, ob das ausreichend ist. Zieht man etwa die KMU-Grenze bei 250 Beschäftigten, würden viele Betriebe des Bäckerhandwerks betroffen sein, obwohl sie definitiv kein großer Betrieb sind.
Außerdem steht seit Kurzem ein Vorhaben zur Herzgesundheit in der Diskussion. Es gibt zwar noch nichts Konkretes, es könnte aber Auswirkungen auf Rezepturen haben und zu neuer, eher zweifelhafter Regulierung führen.
Beim Verpackungsrecht tut sich ebenfalls einiges. Die PPWR ist mittlerweile auf der nationalen Ebene angekommen und wir schauen, wie wir unsere Handwerksbetriebe unterstützen, damit sie die Vorgaben bewältigen können.
Über die Bread Initiative
Die CEBP arbeitet mit dem europäischen Verband der Großbäcker, der AIBI, dem Verband der Backzutatenhersteller Fedima, dem Verband der Mühlen European Flour Millers und dem Verband der Hefehersteller COFALEC in der Bread Initiative zusammen. Die Initiative wurde als Reaktion auf den Rückgang des Brotkonsums in Europa gegründet. Gemeinsames Ziel ist es, das Image von Brot zu verbessern, den gesundheitlichen Wert zu betonen und Brot als europäisches Kulturerbe hervorzuheben.
Website: bread-initiative.eu
In diesen zwei Wochen wurde eine Vielzahl an Produkten unter Einsatz der H2-Brenner gebacken. Technische Herausforderungen – vorwiegend im Zusammenhang mit der Brennerzündung – konnten erfolgreich gelöst werden. Trotz dieser Schwierigkeiten erreichte die Ofenzone durchgehend die angestrebten Temperaturen, ohne dass die Produktqualität zu irgendeinem Zeitpunkt beeinträchtigt wurde.
Baumfalk: Wenn wir in die Zukunft blicken, woran soll man erkennen können, dass Sie etwas für die Bäcker und Konditoren in Europa bewegt haben? Woran wollen Sie sich messen lassen?
Kruse: Das Wichtigste vorweg: Die Interessenvertretung in Brüssel ist ein Marathon, kein Sprint. Das heißt, die Ergebnisse unserer Arbeit, und damit meine ich die Arbeit des gesamten CEBP-Vorstandes, werden nicht allzu schnell sichtbar sein. Es wird Jahre dauern, bis die Früchte der Arbeit geerntet werden können.
Was meine persönlichen Ziele anbelangen, so möchte ich die Sichtbarkeit der CEBP erhöhen. Bäcker und Konditoren sollen ein wesentlicher Bestandteil des politischen Geschäftes in Europa sein, sollen gehört werden und ein ernst zu nehmender Gesprächspartner sein. Und letztlich sollen so Erfolge bei unseren Mitgliedsbetrieben ankommen. Andere nationale Branchenverbände, die bisher kein CEBP-Mitglied sind, sehen dann, dass es sich lohnt, Teil unserer Gemeinschaft zu sein. Natürlich kann jeder nationale Verband in Brüssel Gespräche führen. Das ist auch innerhalb der CEBP jedem unbenommen. Wirklich erfolgreich wird jeder Einzelne aber nur dann sein können, wenn wir unsere Kräfte bündeln.
Baumfalk: Wie wollen Sie mehr Sichtbarkeit erreichen?
Kruse: Mir ist bewusst, dass noch viel zu tun ist. Ich sehe aber auch, dass die CEBP in den vergangenen Jahren einen deutlichen Sprung nach vorne hingelegt hat. Jetzt ist es an der Zeit, zu einem weiteren Sprung anzusetzen, um noch intensiver wirken zu können. Denn der Einfluss der Brüsseler Politik auf die gesamte Lebensmittelwirtschaft und damit auf jeden einzelnen Handwerksbäcker und Handwerkskonditor in jedem Winkel der EU ist immer größer geworden. Und er ist schneller gewachsen, als die Verbände darauf reagiert haben.
Baumfalk: Herr Kruse, vielen Dank für unser Gespräch.
Christopher Kruse und Helga Baumfalk | Bild © f2m
ZDH: Zentralverband des Deutschen Handwerks
SMEUnited: Europäischer Dachverband des Handwerks und der KMU
AIBI: International Association of Industrial Bakers

